Unshakeable

Nachdem ich auf Netflix die Dokumentation “Tony Robbins: I Am Not Your Guru” gesehen habe, war ich neugierig, was Tony Robbins zum Thema Finanzen zu sagen hat. Er hat ja bereits 2014 das 670-Seiten starke Buch “Money: Master The Game” geschrieben und nun 2017 die “komprimierte” und ergänzte Version “Unshakeable - Your Financial Freedom Playbook” veröffentlicht.

Das Buch gliedert sich grob in drei Bereiche: Grundregeln (Theorie), Prinzipien (Praxis), die häufigste Fehler und im letzten Kapitel geht Robbins der Frage nach, was wahrer Wohlstand eigentlich bedeutet (Spoiler: Es ist nicht Geld ;-)).

Grundgedanken

Der Titel “Unshakeable”, also “unerschütterlich” oder “unverrückbar”, bezieht sich auf die geistige Einstellung bzw. den Gemütszustand, den der Leser durch das Erlernen der Grundregeln und das Befolgen der Prinzipien erlangen soll. Höhen und Tiefen, die man zwangsläufig mit Aktieninvestments durchmacht, sollen dadurch einfacher überstanden werden.

“Unshakeable” soll aber nicht heißen, dass einem nichts mehr aus der Bahn werfen kann, sondern eher, dass man nicht allzu lange in diesem negativen Zustand verweilt. In unsicheren Zeiten ist es besonders schwierig, kluge finanzielle Entscheidungen zu treffen und genau dann helfen Regeln und Prinzipien, an denen man sich orientieren kann.

In medias res

Die sieben Grundregeln

Nun was genau gehört zu diesen Grundregeln? Im Buch werden sieben Fakten genannt, die zur Minderung der Unsicherheit bei Investmententscheidungen beitragen sollen. Vor allem aber sollen sie helfen, die turbulenten Zeiten im Markt zu überstehen. Wir sprechen hier hauptsächlich von Marktkorrekturen (ein Fall von min. 10% vom Höchststand) und von Bärenmärkten (ein Fall von min. 20% vom Höchststand).

1 - Korrekturen gibt es häufiger als man denkt. Marktkorrekturen treten seit 1900 durchschnittlich einmal pro Jahr auf. Es hilft über die Häufigkeit Bescheid zu wissen um zu erkennen, dass Korrekturen zur normalen Routine des Marktes gehören, also gar nichts besonderes sind. Und historisch betrachtet, dauerten die Korrekturen im Durchschnitt nur 54 Tage!

2 - Weniger als 20% aller Korrekturen gehen in einen Bärenmarkt über.

3 - Es gibt keine Wahrsager. Keiner kann regelmäßig vorhersagen, ob die Kurse steigen oder fallen werden. Medien und Newsletter wollen uns aber glauben lassen, dass sie die Wahrheit kennen. Sie wollen uns damit zum (unnötigen) Handeln animieren.

After all, even a man with a broken watch can tell you the correct time twice a day.

S. 31

4 - Auf lange Sicht steigt der Aktienmarkt. Zwischen 1980 und 2015 endete der Markt in 27 von diesen 36 Jahren positiv, das ist ein Anteil von 75%. Und dies trotz starker Gründe für Rückschläge wie die drei Golfkriege, 9 / 11, Afghanistan und die verheerende Finanzkrise.

5 - Bärenmärkte sind Kaufgelegenheiten. Historisch betrachtet, gab es Bärenmärkte alle drei bis fünf Jahre, ABER sie dauern nicht ewig. Die letzten 14 Bärenmärkte dauerten zwischen 45 Tagen und 2 Jahren, im Durchschnitt war es aber 1 Jahr. Bärenmärkte sind Kaufgelegenheiten.

6 - Bärenmärkte werden zu Bullenmärkten. Aus Pessimismus wird Optimismus. Fakt ist, dass nach jedem Bärenmarkt in den USA ein Bullenmarkt folgte. In anderen Ländern verhält es sich ähnlich, Japan ist hier aber eine Ausnahme. Japan hat sich zwar wieder erholt, die Höhen von 1989 wurden aber bis heute nicht mehr erreicht.

Hell is truth seen too late.

Thomes Hobbes

7 - Nicht investiert zu sein ist der größte Fehler. Nicht investiert oder ewig auf den richtigen Zeitpunkt zu warten, ist die größte Gefahr. Wenn man in den letzten 20 Jahren die 10 besten Tage des S&P 500 verpasst hätte, wäre die durchschnittliche Rendite halbiert. Bei 30 Tagen wäre die Rendite sogar auf 0% gesunken! Eine Studie von JPMorgan hat ergeben, dass 6 der 10 besten Tage innerhalb von 2 Wochen der 10 schlechtesten Tage waren. Angst bzw. ein vorzeitiger Ausstieg wird also nicht belohnt.

“Aber was ist, wenn ich genau zum falschen Zeitpunkt investiere? Das heißt, genau vor der Korrektur oder dem Crash?”

Dazu hat das Schwab Center for Financial Research eine sehr interessante Studie gemacht: Fünf Investoren erhalten 20 Jahre lang, immer am Anfang des Jahres 2000 Dollar (von 1993-2012). Die Investoren sind sehr unterschiedlich und legen das Geld wie folgt an:

Jedes Jahr wird das Geld:

  • in Cash angelegt (Stay in Cash Investments)
  • bei Erhalt sofort investiert (Invest Immediantely)
  • monatlich (112) angelegt (Dollar Cost Averaging)
  • am schlechtesten Tag angelegt (Höchststand des Jahres) (Bad Timing)
  • am besten Tag angelegt (Tiefststand des Jahres) (Perfect Timing)

Das Ergebnis nach 20 Jahren zeigt folgende Grafik:

Does Market Timing Work? by Mark W. Riepe 2013
Does Market Timing Work? by Mark W. Riepe 2013

Unglaublich aber die Variante “Bad Timing” ist nicht die schlechteste und hat vor allem, trotz der konstant schlechtesten Zeitpunkte, eine positive Performance. Die schlechteste Strategie ist, ewig auf den besten Zeitpunkt zu warten und daher nie investiert zu sein.

Die Ironie: Aus Angst zum schlechtesten Zeitpunkt zu investieren und dadurch nie investiert zu sein, bringt über die 20 Jahre ein schlechteres Ergebnis, als würde man wirklich immer zum schlechtesten Zeitpunkt investieren!

Geht man also davon aus, dass die “perfekte” Strategie nur theoretisch erreichbar ist und es psychologisch schwierig sein kann, die gesamte Summe immer sofort zu investieren, dann bleibt nur noch die “Dollar Cost Averaging” Strategie als beste praktische Lösung. Sie vereint folgende Vorteile:

  • sie verhindert das Hinausschieben (zwingt zum investieren)
  • sie minimiert das Bereuen (ein schlechter Einstiegszeitpunkt kann dadurch einfacher wieder wettgemacht werden)
  • sie vermeidet den Versuch den besten Zeitpunkt zu finden (Timing verhindern)

Die vier Prinzipien

Die vier Prinzipien sind die Essenz aller Interviews, die Tony Robbins mit den Investmentgrößen wie Paul Tudor Jones, Warren Buffett, Ray Dalio, Carl Icahn usw. geführt hat. Wichtig ist, dass sie einfach in der Umsetzung sind. Zudem genügt es noch nicht, wenn man einfach nur theoretisch Bescheid weiß. Die Prinzipien müssen im Kern der Portfoliostrategie verankert sein, sie sollten die Basis für jede Investmententscheidung sein.

1 - Minimiere Verluste. Nichts ist schwieriger und zeitintensiver als Verluste zu kompensieren. Man darf nie vergessen, dass man für die Kompensation eines 50%-Verlustes nicht einen anschließenden Anstieg von nur 50% braucht, sondern 100%, also eine Verdoppelung. Dies kann schnell ein ganzes Jahrzehnt in Anspruch nehmen!

2 - Asymmetrisches Gewinn/Verlust Verhältnis. Mit anderen Worten: Groß gewinnen, klein verlieren. Ein Weg dies umzusetzen ist, indem man speziell in global pessimistischen Zeiten (Korrekturen und Bärenmärkte) investiert, also die unterbewerteten Anlagen kauft.

3 - Steuern. Kapitalgewinnsteuer fällt zum Beispiel nur an, wenn innerhalb eines bestimmten Zeitraumes nach der Anschaffung (z.B. 1 Jahr) wieder verkauft wird (ist länderabhängig).

4 - Diversifikation. Diversifiziert wird idealerweise über verschiedene Anlageklassen (und innerhalb der Anlageklasse), über verschiedene Märkte, Länder, Währungen und über die Zeit.

Know what to do, do what you know.

S. 143

Das Problem ist nun, dass selbst wenn man alles richtig macht - die Prinzipien also alle umsetzt - man trotzdem Opfer seiner eigenen Verhaltensweise werden kann. Unser Gehirn versucht um jeden Preis Schmerz zu vermeiden und sucht stattdessen unmittelbares Vergnügen. Im Allgemeinen ist dies kein gutes Rezept für langfristig vernünftige Entscheidungen. Es ist daher wichtig ein robustes System zu haben, an das man sich halten kann.

Die sechs häufigsten Fehler

Der Autor zeigt uns die sechs häufigsten Fehler beim Investieren, und wie man sie vermeiden kann. Denn schlussendlich setzt sich der Weg zum Erfolg aus 80% Psychologie und 20% praktischer Umsetzung zusammen.

1 - Bestätigungsfehler. Man neigt dazu, Bestätigungen der eigenen Überzeugung zu suchen und zu finden. Vermeiden indem man qualifizierte Leute befragt, die komplett anderer Meinung sind als man selbst. Zum Beispiel hat Warren Buffett, Charlie Munger an seiner Seite.

2 - Rezenzeffekt. Aufgrund von aktuellen Ereignissen auf zukünftige Trends schließen. Aktuelle Informationen werden meist als wichtiger gewichtet, als weiter zurückliegende. Daher werden auch oft Fonds gekauft, die aktuell eine gute Performance haben. Aber: “today’s winners tend to be tomorrow’s losers”. Vermeiden indem man strikte Regeln befolgt, zum Beispiel ein jährliches Rebalancing durchführt. Dies zwingt einem bei hohen Preisen zu verkaufen und unterbewertet Anlagen zu kaufen.

3 - Überschätzen. Speziell Männer sind anfällig sich in Investmentangelegenheiten zu überschätzen. Vermeiden indem man sich die Selbstüberschätzung bewusst macht. Paradox: Wenn man sich bewusst macht, dass man selbst nicht besser ist bzw. keinen speziellen Vorteil gegenüber den anderen hat, ist diese Einsicht ein enormer Vorteil gegenüber den anderen.

4 - Gier, Spieltrieb. Der Spieltrieb steckt in uns allen, das schnelle Geld ist verlockend. Vermeiden indem man sich bewusst macht, dass es ein Marathon und kein Sprint ist. Die besten Chancen hat man, indem man eine langfristige und nachhaltige Performance anstrebt. Das Portfolio am besten nur einmal im Jahr für ein Rebalancing prüfen.

5 - Nur im eigenen Land/Markt investieren. Es besteht immer noch die allgemeine Tendenz, dass nur in der Komfortzone, sprich in das was man kennt, investiert wird. Vermeiden indem der Horizont erweitert wird. Verschiedene Länder und Assetklassen berücksichtigen. Stichwort: Diversifikation.

By failing to prepare, you are preparing to fail.

Benjamin Franklin

6 - Verlust-Aversion. “Negativity bias” ist die Tendenz, sich an negative Erfahrungen intensiver und besser zu erinnern, als an positive. Vermeiden indem man sich für die schwierigen Zeiten vorbereitet.

Wahrer Wohlstand

Das letzte Kapitel - laut Tony Robbins das wichtigste des Buches (s. 164) - geht folgender Frage nach: Was ist, wenn ich meine finanzielle Unabhängigkeit erreicht habe und immer noch nicht glücklich bin?

... and beliebve me, if you get what you want and you're still miserable, then you're really screwed!

s. 163

Es braucht eben mehr als nur Geld, um ein erfülltes Leben zu führen. Neben dem finanziellen Wohlstand, gibt es auch einen emotionalen Wohlstand. Ohne den emotionalen Teil hat man zwar Erfolg, ist aber nicht erfüllt. Und da wir alle unterschiedlich sind, ist auch Erfüllung für jeden was anderes. Finanzielle Unabhängigkeit bzw. das Geld stellen nur die äußeren Bedingungen dar, die zweite wichtige Komponente ist unser Innenleben, sprich was wir denken. Denn:

A man is but the product of his thoughts. What he thinks, he becomes.

Mahatma Gandhi

Was bringt finanzieller Wohlstand, wenn wir uns trotzdem unzufrieden fühlen? Unser emotionaler Zustand ist das Ergebnis unserer Gedanken, bzw. des Fokus, auf den wir unser Denken lenken. Robbins spricht von zwei emotionalen Zuständen, nämlich dem positiven “Beautiful State” und dem negativen “Suffering State”. Der negative Gedankenzustand tritt unter den verschiedensten Bezeichnungen auf: Traurigkeit, Frustration, Angst, Hass, Eifersucht, Sorgen etc.

Egal wie der negative Zustand bezeichnet wird, ausgelöst wird er immer durch mindestens einen der folgenden drei Trigger:

1 - Verlust. Die Angst, etwas das einem wichtig ist, zu verlieren. Dies kann sich auf Unterschiedlichstes beziehen wie eine Person, Respekt, Liebe etc.

2 - Weniger. Die Angst, von etwas das einem wichtig ist, weniger zu haben. Entweder hat man selbst etwas getan oder nicht getan, oder jemand anderer hat etwas getan oder nicht getan und dadurch ist eine Situation entstanden, wodurch man zum Beispiel weniger Freude, Geld oder Erfolg hat.

3 - Nie. Die Angst, etwas das einem wichtig ist, nie zu erreichen oder zu bekommen. Zum Beispiel Wohlstand, Respekt, Freude, einen Partner etc.

In allen drei Fällen spielt es keine Rolle, ob die Situation die den Trigger ausgelöst hat real oder nur eine Illusion ist! Entscheidend ist, auf was wir unsere Gedanken konzentrieren. Dies bestimmt wie wir uns fühlen, egal ob real oder nur eingebildet.

Either you master your mind or it masters you.

S. 175

Robbins These für ein erfülltes Leben ist also, sich seiner Gedanken mehr bewusst zu werden und aktiv entscheiden, auf was wir den Fokus setzen. Denn schließlich sind wir selbst zu 100 Prozent für unseren Gedanken verantwortlich.

Soviel Zeit wie möglich im zuvor erwähnten positiven Gemütszustand zu sein, ist für den wahren Wohlstand notwendig. Für diesen Teil des Wohlstandes ist kein Warten und keine bestimmte Geldsumme notwendig. Jeder hat es selbst in der Hand.

aus Unshakeable (s. 184)
aus Unshakeable (s. 184)
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